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Schöne „grüne“ Digi-Welt? Oder: Die neue „grüne Revolution“?

Zur Kritik von Jeremy Rifkin: Der globale Green New Deal
von Prof. em. Dr. Claudia von Werlhof


Was ist das Anliegen und die These? Es geht um den schnellstmöglichen Beginn eines neuen globalen Erdzeitalters einer 3. Industriellen Revolution, die das Zeitalter der fossilen Rohstoffe als Energiegrundlage ablöst. Grund: Das Ende der fossilen Rohstoffe um 2028 und die so genannte Klimaerwärmung durch CO2 als Resultat der Verbrennung fossiler Energien, welche das Leben auf Erden bedrohe. Der Aus- und Umstieg sei möglich, weil als Alternative die „grünen“ Energien vor allem aus Sonne und Wind zur Verfügung stünden und immer besser und billiger genutzt werden könnten, und das weltweit sowie dezentral ebenso wie zentral durch Einspeisen der jeweils vor Ort gewonnenen Energien. Auch Speichertechnologien stünden ausreichend zur Verfügung. Eine 100%ige Versorgung sei möglich. Nun müsse der Ausstieg aus den Fossilen in Gang gesetzt, der Markt neu orientiert, das Investitionskapital umgeschichtet und die neue Energieinfrastruktur finanziert werden, was u.a. über den Staat und die Pensionskassen sowie „grüne“ Banken ginge und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen öffentlich und privat erfordere. Modelle dafür werden vorgestellt. Es geht vor allem um den Umbau der Infrastruktur. Dieser werde neue Arbeitsplätze schaffen, denn alle Verkehrssysteme, Gebäude und Kommunikationssysteme seien betroffen, damit sie digitalisierbar sind und dadurch „smart“ werden. Das „Internet der Dinge“, Internet of Things, IdD/IoT, sei auf diese Weise zu organisieren, bei dem alle Tätigkeiten und Geräte, Personen und Sachen über Sensoren miteinander verbunden sind und auf diese Weise eine Weltgemeinschaft, Weltfamilie, Handel und Austausch von allem und allen global und ununterbrochen möglich sind.

Widerstand mit Zuckerbrot und Peitsche brechen

Obwohl diese smarte Infrastruktur und die smart city mehr Energie erfordert als die alte, sei sie über Wind und Sonne bereitstellbar. Jedes Gebäude trage am Ende dazu bei. Dieser Umbau müsse auch gegen Widerstand erfolgen („Zuckerbrot und Peitsche“). Alle Neubauten und Verkehrswege müssten entsprechend geplant werden.

Auf diese Weise wird der gesamte tertiäre Sektor der Dienstleistungen mit neuer Energie versorgt und dabei durchmaschinisiert, z.B. das Verkehrssystem mit fahrerlosen Wagen und zur allgemeinen Verfügbarkeit, sowie mit einer weitgehenden Ersetzung des Individualverkehrs. Elektromobilität vorausgesetzt, alles mit Ökostrom betrieben. Das Leben der Menschen ist dann gleich mit in die Infrastruktur integriert und zum ersten Mal voll transparent, gehört mit smart phones, Handys, PCs etc. dazu und ist Teil einer riesigen digitalen Megamaschine. Der smart-digitale Lebensraum wird dargestellt als grün-linke Lebensweise und Gemeinschaft, an der alle weltweit teilhaben und auch das neue Kapital durch Umorientierung auf seine Kosten kommt. So kann man während des Verkehrs online einkaufen oder sich durch Videos unterhalten lassen, ähnlich wie im Flugzeug.

Die Landwirtschaft als primärer Sektor soll entkarbonisiert werden, also keine auf Öl basierenden Dünger etc. mehr verwenden, sondern „ökologisiert“, also angeblich Bio-Landwirtschaft werden, allerdings mit autonomen, selbstfahrenden, digitalisierten Maschinen. Wie sich das verträgt, z.B. wenn es keine Monokultur gibt, wird nicht näher erläutert, aber Vandana Shiva lobt Rifkins Ansatz, obwohl ihr Modell keine Maschinisierung der indischen Landwirtschaft inkludiert – bis jetzt.

Über die Industrie als sekundären Sektor gibt es überhaupt keine Aussagen, also z.B. darüber, wie und womit die Windräder, Sonnenkollektoren und Photovoltaikanlagen gebaut werden sollen, oder die Flugzeuge, selbst wenn sie bald mit Ökobenzin fliegen sollten, oder alles Übrige, was die Gesellschaft braucht.

Ausgerechnet die Energiefrage bleibt ungeklärt: Die Behauptung, dass Sonne und Wind ausreichen, bleibt dahingestellt. Von anderen Erneuerbaren wird nicht gesprochen, also alle Arten von Biomassen und Energiepflanzen, Ölpalmplantagen, selbst Wasser und Geotherme nicht, Wasserstoff am Rande. Wo eine Kombination mit fossilen Energien weiterhin notwendig ist oder praktiziert wird, z.B. in der Industrie oder im Militär als dem Hauptenergiefresser, bleibt undiskutiert.

Es versteht sich von selbst, dass das Militär auch nicht im Zusammenhang mit Klima- und Wettermanipulationen erwähnt wird, geschweige denn als Erfinder des Geoengineering und seiner weltweiten Anwendung. Denn das ist ja weiterhin DAS Tabuthema der Szene, die Rifkin bedient.

Die neue Gesellschaft wird als eine Art globaler Sozialkapitalismus dargestellt. Mit dem Wegfall der Fossilen ist der Kapitalismus nun plötzlich ein guter.

Die sonstige Rohstofffrage, z.B. die, woher und wie lange es Coltan für Handys und seltene Erden für die Irrsinns-Digitalisierung von allem und jedem geben wird, fällt flach.

Wovon die Leute nach dem Umbau der Infrastruktur leben sollen, bleibt unerfindlich, zumal durch Automatisierung und Digitalisierung massenhaft Arbeitsplätze wegfallen. Das Leben der Menschen wird eher als bloße Konsum-, Verkehrs- und Kommunikationsangelegenheit dargestellt. Außer der Tatsache, dass die Energie dafür aus der Natur kommen soll, kann ich nichts „Grünes“ daran erkennen.

Obwohl die Einsicht, dass wir dem Ende der fossilen Ressourcen entgegengehen, ausreichen würde für einen Umbau der Gesellschaft, ist merkwürdigerweise dieser Umbau auf “grüne Energien“ in seiner Gänze nicht durchargumentiert. Zweitens wird immer wieder mit der Angst vor dem Klimawandel, ja dem Artensterben aufgrund dessen, sowie einer weiteren Zerstörung des Lebens auf der Erde, und zwar bis in die Zukunft hinein, argumentiert, obwohl ja angeblich durch CO2-Einsparung das Klima sich wieder verbessert.

Warum? Dass das neue Energieregime nicht genauer dargestellt wird, kann ich nicht erklären. Das Zweitere wird ganz klar dazu benutzt, um Angst zu machen und massiv zu drohen, damit die Leute den Umbau akzeptieren, der ja jede Art von unabhängiger Bewegung zur Gänze zunichtemacht. Dabei wird immer wieder mit „Zuckerbrot und Peitsche“ argumentiert, also Anreizen und Zwang. Es gibt eine Schuld und potenzielle Schuldige. Darauf sollte man sich schon einmal einstellen.

Insgesamt gesehen weiß der Autor mit Sicherheit, dass der CO2-Mythos einer ist. Dennoch verwendet er diese Metapher und sagt nichts über den wirklichen Zustand des Planeten. Er ist also ideologisch gesteuert, und er will ein Modell durchsetzen, das offenbar nicht ohne Widerstand akzeptiert werden wird.

Das Kapital und den Staat in Europa und China hat er schon auf seiner Seite, wie er meint, nur nicht in den USA. Von Russland sagt er merkwürdigerweise nichts.

Gewaltige Kapitalumschichtung mit der Schaffung einer totalitären Technologie

Welchen Interessen dient das Ganze? Auf jeden Fall Rockefeller und Soros mit ihren Kampagnen gegen Exxon sowie den Demokraten in den USA. Ganz klar soll eine gewaltige Kapitalumschichtung erreicht werden

Der Widerspruch zwischen grüner Energie und digitaler Technik, Digitalisierung und Megamaschiniserung des Lebens und der Kultur, also der totalitäre Zugriff auf alles und jedes, die „Mortifikation“ im Sinne einer Entmachtung der Einzelnen und ihre Integration als Rohstoff des Großen Werks der technisch durchkontrollierten Gesellschaft, wird überhaupt weggelassen.

Themen wie 5G oder die Möglichkeit des äußeren Zugriffs auf jeden über die Sensoren in seiner Umgebung, ja an ihm selbst, bleiben in weiter Ferne. Das ist in China ja schon als totale Kontrolle jedes Einzelnen sichtbar. Dazu gibt es keine Kritik. Der ständig verwendete Begriff der Nachhaltigkeit bleibt daher ominös. Nachhaltig in Bezug auf was? Und: wer fällt raus? Wo wann warum … Darüber kein Wort.

Über Frauen wird einmal gesprochen, um zu sagen, dass sie in einer solchen Gesellschaft gleichberechtigt seien. Das ist alles. Klar, der Maschine ist es egal, wer ihre smarte Technik benutzt, am besten eben alle. Wo wäre da ein lauschiges Plätzchen für ein Liebesgeflüster zu finden, oder gar ein Baum, unter dem es stattfinden könnte? Wie werden sich Schwangere oder Mütter mit Babys und Kleinkindern durch die smarte Welt bewegen, ohne wegen der Strahlenbelastung dauernd in Angst zu leben?

Ein sehr seltsames Buch. Auf jeden Fall das eines neuen bzw. sich umschichtenden Kapitals und einer neuen totalitären Technologie, die bis in die Eingeweide der Einzelnen reicht. Es kommt die „Künstliche Intelligenz“, und die meint es nicht gut mit der natürlichen. Da sieht man, worauf die Beteiligung der Partei der so genannten „Grünen“ an diversen Regierungen hinausläuft.

Rifkins Buch über „Das biotechnische Zeitalter“, das er u.a. davor schrieb, ist eine Horrorgeschichte über die Möglichkeiten der Gentechnik, vor der noch jeder Mensch und jedes Menschenrecht sich zusammen mit dem ererbten Lebendigen auf Erden in Luft auflöst. Davon wird in positiver Manier nur an einer Stelle im Green New Deal gesprochen (S. 152), wo es darum geht, wie man mit weiteren neuen Technologien an neue Materialien kommen kann. Diese neben der KI neue, alles Lebendige, also „Grüne“, auch aus seiner Sicht vollständig umwälzende Technologie fällt aber im neuen Buch unter den Tisch.

Jedenfalls ist die Behauptung, dass es jetzt um eine grüne neue Zivilisation gehe, als schlechter Witz zurückzuweisen. Was die Natur angeht, so ist sie Energie- und als Boden noch Nahrungsmittellieferantin. Rifkin spricht sich immerhin gegen die Atomkraft aus und ist für die Wiederaufforstung. Aber das Lebendige selbst ist bei ihm nur noch Teil der globalen Maschine. Das wird in den anderen neuen Technologien, der Gentechnik, der synthetischen Biologie, der Nanotechnik, der KI als Robotik und Transhumanismus und dem Geoengineering erst so richtig und brutal deutlich, aber im Green New Deal werden sie nicht erwähnt. Denn in ihnen gibt es überhaupt keine ursprüngliche Natur mehr, sondern dieser wird eine patriarchale Schöpfung, ja neue Evolution entgegengesetzt. Ja, dann kann das Massensterben der Tier- und Pflanzenwelt bald mit künstlichen Lebewesen aus der Retorte ersetzt werden, und Rifkin könnte sich die Warnungen vor der Extinktion [dem Aussterben] sparen!

Rifkins Buch atmet keinen guten Spirit. Es fällt schwer, es zu lesen, es lähmt, was zeigt, dass da vieles nicht stimmt, fehlt, unterschlagen wird, oder falsch ist. Dennoch werden ihm viele Leute auf den Leim gehen, z.B. die Grünen und Linken, die Jungen von Greta und ihre gesponserten Bewegungen genauso. Sie sind bei Rifkin ja alle schon inbegriffen. An sie wendet er sich, weil sie das Projekt von unten stützen sollen. Denn sonst, wer weiß…

Auf dem Weg in den digitalen Knast

Das Buch ist vor allem voller Eigenlob über die Kontakte und Regierungsberatungstätigkeit des Autors weltweit. Angela Merkel hat ihm besonders gefallen. Der Green New Deal ist das neue politische Megaprojekt. Es soll die neue „Große Transformation“ der Moderne einleiten. Deshalb müssen wir es kennen. Grüne Energie ist ja ok. Aber daraus folgt eigentlich etwas anderes als ein digitaler Knast.

Jeremy Rifkin: Der globale Green New Deal: Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2019, Übersetzung: Bernhard Schmid, gebundene Ausgabe, 319 Seiten, 26,95 Euro

Claudia von Werlhof und Dagmar Neubronner zum Thema: „Stirbt die Erde?“


Gesprächsreihe mit Prof. Dr. Claudia von Werlhof und Dagmar Neubronner über den Zustand der Erde, Rosalie Bertell, Geoengineering, CO2 und das Ozon Problem, Januar 2019.

YouTube Playlist: Liegt die Erde im Sterben?


Dagmar Neubronner ist Biologin, Therapeutin und Publizistin, von 2006 bis 2018 Aufbau des deutschsprachigen Programms des entwicklungspsychologischen Neufeldinstituts. Sie ist Mutter zweier schulfrei gebildeter Söhne.


Kommentar Claudia von Werlhof zu den 5 Gesprächen mit Dagmar Neubronner „Stirbt die Erde?“

Zuerst sollte es vor allem um die Frage des Ozonsterbens gehen, denn das ist an Gefährlichkeit im Moment und für die nächsten Jahrzehnte kaum zu überbieten. Ich hatte darüber in den Info-Briefen  13 und 14 informiert und in verschiedenen ausländischen Medien publiziert. Als Dagmar Neubronner, die ich wegen ihrer Arbeit für Kinder und zur „Bindungsanalyse“ schätzen gelernt hatte, mich fragte, ob wir dazu ein Gespräch machen wollten, stimmte ich zu. Bereits im 2. Gespräch merkte ich, dass nichts vertieft werden konnte. Wir blieben bei der Radioaktivität als einer der vielen Ursachen des Ozonsterbens stecken. Ich wollte aber wenigstens auf die gesellschaftlichen Hintergründe zu sprechen kommen, was knapp im 3. Gespräch zum Thema Geschichte des Patriarchats erfolgte, und im 4. dann zu dessen großtechnischen Folgen in Form einer „Maschinisierung des Lebendigen“, die im weitesten Sinne den Zusammenhang abgibt für die Entwicklung von Technologien, die heute zum Ozonsterben führen. Im 5. Gespräch wollte Dagmar endlich das Thema „Was tun?“ besprechen, was ich nur im Zusammenhang mit einer Analyse der Ursachen des Dilemmas tun wollte. Nun zeigte sich, dass sie Vorstellungen hatte, die mit diesen Ursachen nichts zu tun hatten, sodass wir uns gar nicht (mehr) verständigen konnten. Denn nun hätten wir ja zum Ausgangspunkt zurückkehren müssen, nämlich der Frage, wie verhindern wir, dass die Gründe für das Ozonsterben weiter unerkannt bleiben, und wie schaffen wir es, dass die Aktivitäten, die zu ihm führen, eingestellt werden.

Das alles habe ich in den letzten Infobriefen thematisiert. Leider konnte ich das in den Gesprächen nicht so zum Thema machen, wie es aus meiner Sicht notwendig gewesen wäre.

Innsbruck, 6.3.2019

BUMERANG – Ausgabe #2 – Natur im Patriarchat – ist online!

Die Ausgabe #2 des BUMERANG, unserer Zeitschrift für Patriarchatskritik, ist online.
Sie trägt den Titel „Natur im Patriarchat“.

Aus dem Editorial:
Natur im Patriarchat! Was kann es Größeres, Wichtigeres und gleichzeitig Schmerzlicheres geben? Es ist das zentrale und grundlegende Thema der Kritischen Patriarchatstheorie. Von hier aus kommt man und frau überall hin. Und ist nicht in den letzten Jahrzehnten das Ausmaß und Tempo der globalen Naturzerstörung auf allen Ebenen und in allen Dimensionen immer umfangreicher und offensichtlicher geworden? Ist seitdem nicht immer klarer geworden, dass die moderne Gesellschaft inzwischen durch die sog. „Globalisierung“ sogar die globalen Lebensbedingungen, ja die Elemente – neuerdings auch Luft und Licht – selbst angreift, ja den Planeten als Ganzen im Kleinen wie im Großen?…

Hier geht’s zum BUMERANG – Ausgabe #2 – Natur im Patriarchat

Claudia von Werlhof – ¡Madre Tierra o Muerte! Reflexiones para una Teoría Crítica del Patriarcado

Werlhof - Madre tierra o muerteClaudia von Werlhof präsentiert ihr neues Buch ¡Madre Tierra o Muerte! Reflexiones para una Teoría Crítica del Patriarcado (erschienen in Edición El Rebozo 2015) in Oaxaca, Mexiko.

Cooperativa El Rebozo:
Homepage
Facebook

Hier finden sie ein Interview (.pdf) mit Claudia von Werlhof über ihr neues Buch „¡Madre Tierra o Muerte!“ und einen Vortrag zum Thema „El patriarcado como civilización de odio a la vida, raíz del capitalismo“ an der Universidad Autónoma del Estado de Morelos in Mexiko:

Hier der Vortrag von Claudia von Werlhof an der Universidad Autónoma del Estado de Morelos mit dem Titel: La sociedad postpatriarcal. Retos y posibilidades:

Russischer Artikel „Die Globalisierung des Neoliberalismus, seine Folgen und einige Alternativen“

Der Artikel von Claudia von Werlhof mit dem Titel: „Die Globalisierung des Neoliberalismus, seine Folgen und einige Alternativen“ wurde auf dem Internetjournal des Instituts für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.

Der Beitrag von Claudia von Werlhof ist im Artikel auf S. 106-138 zu finden.

>>>Claudia von Werlhof – Глобализация и неолиберализм:существует ли альтернатива разграблению земли?<<<

Homepage des Instituts für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften: www.vestnik.isras.ru

Prof. Dr. Claudia von Werlhof bei Quer-Denken.TV – Caliban und die Hexe

Caliban und die Hexe – zur „Alchemie“ der Moderne.
Patriarchatskritik der kapitalistischen Gesellschaft

Prof. Dr. Claudia von Werlhof im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt. Wir leben heute (beginnend vor mehreren Jahrtausenden) in einer weitgehend patriarchal organisierten Welt oder Zivilisation, relativ unabhängig von Nationalitäten, Kulturen und Religionen. Die moderne Form dieses Patriarchats ist das „kapitalistische Patriarchat“. Es knüpft an die schon im Altertum formulierte „alchemistische“ Utopie an, durch eine technische Transformation, ja Überwindung und Ersetzung der Natur und Menschen, insbesondere der Frauen als Mütter, zu einer nur von Männern geschaffenen Zivilisation des „pater arché“, am Anfang des Lebens bzw. der Materie jeweils ein Herr bzw. „Vater“, zu gelangen.

Alternative dazu wäre eine matriarchale zivilisatorische Regelung, die nichts mit einer „Frauenherrschaft“ zu tun hat, sondern an der Kooperation und nicht Beherrschung oder gar Eliminierung bzw. Ersetzung von Natur und Müttern, also an dem „mater arché“ orientiert ist, wie es das Erdenleben kennzeichnet.

Obwohl die matriarchale Zivilisation die ältere und ursprüngliche ist, hat sie sich gegen die gewalttätige, kriegerische Patriarchalisierung der Kontinente bis auf einige noch immer lebende Matriarchate nicht halten können. Sie beruht auf Herrschaftsfreiheit, Gemeinsinn, Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit, Respekt und Achtung vor dem Leben. Demgegenüber steht die patriarchale Zivilisation, die genau umgekehrt geregelt ist, eben weil sie die irdischen, quasi „mütterlichen“, Bedingungen nicht akzeptiert und ihnen ihr alchemistisches Umwandlungsverfahren auf allen Ebenen und in allen Bereichen entgegensetzt. Dies führt zu einer buchstäblichen Verkehrung der Welt, die gerade in der Neuzeit und Moderne mithilfe moderner Maschinentechnik erst wirklich Gestalt angenommen hat. Ja, die Maschine ist sozusagen die Inkarnation des Naturersatzes, was aber wegen des historischen Scheiterns alchemistischer Verfahren nicht zugegeben wird.

Diesen Fragen geht Prof. Dr. Claudia von Werlhof (emeritierte Professorin für Politikwissenschaft und Frauenforschung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck) als einer der Mitbegründerinnen der Frauenbewegung auf den Grund. Sie zieht dafür die Linie von den Anfängen der Frauenforschung über das Buch „Caliban und die Hexe“ und die Auseinandersetzung mit dem Marxismus bis zur sog. Kritischen Patriarchatstheorie heute nach. 2007 gründete sie dazu den Verein FIPAZ (Forschungsinstitut für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen).

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die moderne Zivilisation im Zusammenhang mit dem Patriarchat vom Nanobereich bis hin zum Planeten Erde so zerstörerisch geworden ist, dass sie aufgegeben und re-matriarchalisiert werden sollte. Die kapitalistische Gesellschaft ist dabei der historische „Höhepunkt“ der patriarchalen Zivilisation. Dies sei der Grund für die Zivilisations- und Kapitalismuskrise der Moderne.

Homepage: Quer-Denken.TV


Die Buchrezension von Prof. Dr. Claudia von Werlhof zu Silvia Federici’s
Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation ist
Grundlage für das Quer-Denken.tv Interview „Caliban und die Hexe – zur Alchemie der Moderne. Patriarchatskritik der kapitalistischen Gesellschaft“, und hier komplett als .pdf verfügbar.

>>>Buchrezension „Caliban und die Hexe“ als .pdf<<<

Buchrezension zu Silvia Federici – Caliban und die Hexe

Claudia von Werlhof – Buchrezension zu Silvia Federici
Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation
Wien, Mandelbaum 2012/14

>>>Buchrezension als .pdf<<<

Einordnung

Das Buch „Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation“ von Silvia Federici erschien 2004 auf Englisch und 2012 auf Deutsch. Es ist eines der besten Bücher zur Entstehung der Neuzeit und zum bisher erstaunlicherweise immer noch nicht wirklich erkannten Charakter der Moderne. Indem es die gesellschaftlichen Entwicklungen seit der frühen Neuzeit praktisch zum ersten Mal aus der Perspektive des Umgangs mit den Frauen analysiert, kommt das Buch zu völlig neuen Erkenntnissen über unsere Gesellschaft. Denn tatsächlich war und ist der Umgang mit den Frauen gerade für die Entstehung und Weiterentwicklung der modernen Gesellschaft zentral (gewesen).

Aus dem Inhalt:
…Diesen utopischen Charakter des „Weltsystems“ hat Silvia – wie auch die Matriarchatsfrage – nicht gesehen und daher auch nicht seine weltzerstörerische Brisanz. Wenn wir von den Untersuchungskriterien der KPT ausgehen, dann hat sie vor allem das Geschlechterverhältnis, die Politik und die Ökonomie als Teil des Naturverhältnisses im Auge gehabt. Die Technik als der andere Teil des Naturverhältnisses ist bei ihr nur bis zu einer faktischen Anerkennung der Maschine präsent. Deren alchemistischer Charakter und die Natur insgesamt, wie auch das spirituelle Verhältnis zu ihr als nicht nur materieller sind bei ihr nicht zum Tragen gekommen. Das ist auch kein zentrales Thema des Marxismus, und vielleicht hat sie daher etwa den bahnbrechenden Versuch von Carolyn Merchant darüber (1987) nicht wirklich würdigen können und ist bisher auch nicht vom Ökofeminismus à la Rosalie Bertell erreicht worden, der ein „planetares Bewusstsein“ zum bedrohlichen Schicksal unserer Erde insgesamt begründet (2013).
Das Patriarchat ist ein alchemistisches Kriegs-System, das mithilfe des Kapitals die ganze Welt in ihr Gegenteil verwandelt, eine Zivilisation, die der Natur, der Mütter und Frauen, ja, des Planeten, so wie er ist, gar nicht mehr zu bedürfen meint. Eine Utopie, die schon Bacon entwarf, die bereits in der Antike formuliert wurde und mit der Neuzeit und Moderne, dem Kapital und seiner Maschinerie seinem Höhepunkt zustrebt: der allgemeinen Mortifikation des Lebens – aber natürlich ohne dessen Ersetzung durch etwas Höheres!
Wenn man das so sieht, ist klar, dass und warum die Frauenforschung fast vernichtet wurde – von denjenigen, denen sie auf einmal den Spiegel vorhielt, aus dem ihre wahren Interessen sprachen….